Die ersten zwei Nächte mit unserer Kleinen waren kurz. Wer hätte es auch anders erwartet bei einem Neugeborenen?
Wir hatten uns für die Schlaflösung „Beistellbett“ entschieden und hatten unser Baby auf meiner Seite (Seite der Mutter) in die Wiege gelegt. Der Gedanke war verlockend: Wir können ruhiger schlafen und sind am nächsten Tag erholter. Gleichzeitig sind wir gleich zur Stelle, wenn unser kleiner Schatz uns braucht und unser Baby würde unsere Anwesenheit und unseren Atmen hören.
So der Plan. Wir hatten unser Neugeborenes sogar eingepuckt, sodass sie sich durch die Bewegungsbegrenzung ganz eng geborgen wie im Uterus fühlen konnte. Dennoch schrie sie jedesmal wie am Spieß, wenn wir sie nach dem Stillen oder Windeln wechseln wieder in ihr Bettchen legten. Wir machten kein Auge zu.
Am dritten Tag trauten wir uns dann und „riskierten“ sie in unser Bett zu nehmen. Wir legten sie zwischen die Wand und mir und legten die Wand mit festen Kissen aus, damit sie nicht gegen die kalte Wand rollen würde. So lagen wir also: Wand, Baby, Mutter, Vater. Man muss dazu sagen, dass wir in einem 1,40 m Bett schlafen.
Und es war die erholsamste Nacht, die wir uns wünschen konnten! Ab und an meldete sich unsere Kleine zum Trinken, dann legte ich sie an und schlief dabei einfach weiter. Das war alles. Wickeln war ein bis zwei Mal angesagt.
Dennoch hatten wir weiterhin Sorge, ob wir sie nicht in der Nacht erdrücken würden. Was, wenn wir so fest schliefen, dass einer von uns sie überrollte? Unsere liebe Hebamme erklärte uns daraufhin, dass es sehr unwahrscheinlich wäre, dass dies passiert, solange das Kind auf der Seite der Mutter schliefe. Mütter haben offenbar diesen besonderen „Chip“ im Gehirn, der dafür sorgt, dass sie nur in einen sehr leichten Schlaf fallen und so immer unbewusst auf die Atmung des Kindes hören. Männer hingegen können schon mal in einen tieferen Schlaf fallen, weswegen hier das Risiko des Erdrückens eher gegeben ist. Das beruhigte uns.
Welche Frage sich mir jedoch dann stellte, regte mich an, diese Zeilen hier zu schreiben:
Warum hatten wir uns anfangs so schwer mit dem Gedanken getan, dass unser süßes, kleines, ganz frisch auf Erden gekommenes Baby bei uns im Bett schläft? Warum war es für uns so klar gewesen ein Beistellbett zu nutzen ohne dies wirklich zu hinterfragen? Irgendwie schien es das Natürlichste der Welt zu sein, ein Beistellbett zu verwenden.
90% weltweit nehmen ihr Baby in’s elterliche Bett
Dabei ist genau das Gegenteil der Fall: Das Natürlichste und Ursprünglichste ist, wenn das Baby und Kleinkind direkt bei den Eltern bzw. der Mutter im Bett schläft. Gute Zahlen dazu gibt die Anthropologin Meredith F. Small in ihrem Buch „Our Babies, Ourselves: How Biology and Culture Shape the Way We Parent“. So schlafen 90 % der Kinder weltweit im gleichen Bett wie ihre Mutter bzw. ihre Eltern (in manchen, z.B. polygamen, Kulturen ist es auch üblich, dass die Männer alleine schlafen)! NEUNZIG PROZENT! Und wo sind die „abnormalen“, restlichen 10% der Menschheit, die ihre Kinder allein schlafen lassen? Studien, die es dazu gibt, zeigen auf, dass es vor allem die USA aber auch große Teile Europas sind, die ihre Kinder nicht mit in ihr Bett nehmen.
Dabei gehen Wissenschaftler mitlerweile davon aus, dass das gemeinsame Schlafen mit den Eltern sogar physiologische Vorteile für das Neugeborene hat. Denn Neugeborene können ihren Schlafrythmus noch nicht selbst steuern und können (sehr vereinfacht gesagt) so tief in den Schlaf fallen, dass sie vergessen zu atmen. Man vermutet darin eine der Ursachen für den sogenannten „Plötzlichen Kindstod (Sudden Infant Death Syndrome – SIDS). Schläft das Kind bei den Eltern im Bett, so nimmt es verstärkt die Geräusche der Eltern auf und fällt so gar nicht erst in einen zu tiefen Schlaf aus dem es nicht mehr von selbst herauskäme. Gleichzeitig entwickelt sich ein sogenanntes „Co-Sleeping, bei dem sich das Kind an den Schlafrythmus der Eltern anpasst. Dabei lernt es, die unterschiedlichen Schlafphasen zu koordinieren und zu kontrollieren. (ACHTUNG: Schlafen im elterlichen Bett nur, wenn die Eltern nüchtern sind und auch nicht geraucht haben!!)
Ist es nicht unglaublich, was die Natur für uns eingerichtet hat? Es ist alles da, wir müssen es nur annehmen!
Warum also stand es für mich außer Frage, dass unser Kind im Beistellbett schlafen würde? Immerhin habe ich auch in Japan und in Südamerika gesehen, wie die Kinder zum Teil noch bis in die frühe Pupertät hinein bei ihren Eltern schlafen! Und dabei kann man nicht behaupten, dass in beiden Ländern die Freiheit und Sexualität der Eltern dadurch extrem eingeschlänkt sei. Beide Kulturen haben ihre eigene Art, dass Eltern Zeit und Raum für ihre Intimität finden. Auch sind die Menschen dort nicht weniger selbstständig, wie die Menschen in den Ländern, wo Babies ihr eigenes Bettchen haben.
Die Angst, das Kind zu verwöhnen
Ich denke, im Grunde genommen war es die Angst, unser Kind zu verwöhnen. Natürlich, die Angst, es zu erdrücken war auch ein Grund aber nicht der Hauptgrund. Von vielen Seiten hatten wir immer wieder den Ratschlag erhalten, dass wir unser Baby so früh wie möglich alleine schlafen lassen sollen, damit es sich daran gewöhnt. Diese Ratschläge hatten wir noch nicht mal als solche wahrgenommen. Vielmehr waren sie einfach immer wie ein ständiges Flussplätschern im Hintergrund da gewesen. Die Kommentare anderer. Die Angebote von entzückenden Wiegen im Kaufhaus. Filme, in denen das Baby grundsätzlich in der Wiege liegt. Andere Eltern und ihre Methoden… All das war sicherlich prägend gewesen.
Aber erstens: Die ersten Monate kann ein Baby noch gar nicht „berechnend“ handeln. Das heißt, unser Baby schreit nicht einfach, weil es „denkt“, dass es dann in’s elterliche Bett genommen wird, sondern es schreit, weil es wirklich etwas braucht.
Und zweitens: Warum sollte ich mein Kind auch nicht verwöhnen? Warum ist das Verwöhnen in der westlichen Kultur so verpöhnt? Wozu haben wir denn Kinder? Allein, um sie so schnell wie möglich „selbstständig“ und „unabhängig“ nennen zu können? Ich denke, ein gesundes Selbstvertrauen und Unabhängigkeit kommen auch (oder gerade dann), wenn Eltern ihre Kinder verwöhnen. Vorausgesetzt, das Verwöhnen findet durch Liebe, Zeit und Präsenz statt und nicht durch Materielles, Süßigkeiten und Fehrnseher. Außerdem: Wollen wir wirklich, dass unser Kind uns mit 18 Jahren verlässt und nichts mehr von uns wissen will? Dass es keine (Ver-)Bindung zu uns spürt.
Mein Mann spricht oft von der „paraguayischen Mutter“, die ihre Kinder (auch im Erwachsenenalter) mit einem selbstgemachten Cocido (gesüßter Matetee) verwöhnt. Im Grunde ist das Rezept extrem einfach und doch habe ich festgestellt, dass kaum ein Paraguayer das Rezept kennt. Nur die Mütter und Großmütter. Ich habe das immer belächelt und als ein Fehlen von Selbstständigkeit wahrgenommen. Aber langsam habe ich das Konzept dahinter verstanden: Es geht um das Liebe geben durch Verwöhnen im Kleinen. Nicht um das erzwungene Selbstständigwerden in allen Dingen. Das kommt schon von allein. Und meist viel früher als einem lieb ist…
Schlafmittel, damit das Baby durchschläft
In manchen Ländern, wie beispielsweise in Frankreich oder den USA geht man sogar so weit, dass man den Kindern Schlafmittel verschreibt, damit sie durchschlafen. Dies hat vor allem auch mit der Arbeitssituation und der kleinfamiliären Konstellation in diesen Ländern zu tun. So gehen die Franzosen sehr viel früher als in Europa üblich wieder zurück zur Arbeit. Und auch in den USA ist der Mutterschutz extrem kurz gehalten (mehr zum Mutterschutz und Elternzeit der einzelnen Länder unter: Parental leave and child care around the world). Gleichzeitig gibt es meist kein familiäres Rückrad, wie beispielsweise in Ländern, wo sich die gesamte Großfamilie um das Baby kümmert. Dennoch frage ich mich, welche Logik dahinter steht. Auf der einen Seite lässt man sein Kind allein schlafen, um es (angeblich) früher unabhängig zu machen. Auf der anderen Seite hingegen, pumpt man das Kind mit Schlafmitteln voll und entzieht ihm dadurch die individuelle Freiheit seinen Schlafrythmus selbst zu entdecken und zu bestimmen. Eigentlich nimmt man ihm hier also die Unabhängigkeit. Das ist irgendwie konträr…
Es gibt sicherlich viele verschiedene Motive für Eltern, die bestimmen, wie und wo das Baby schläft. Und sicherlich hat jede Schlaflösung seine eigenen Vor- und Nachteile. Für uns haben wir nun diese Lösung gefunden und für mich ist klar, dass ich mein Baby dadurch nicht verwöhne, sondern eher stark mache.
Welche Schlaflösung hast du für dein Baby gefunden? Warum ist diese die Richtige für dich und dein Baby? Welche Erfahrungen hast du im Hinblick auf Ratschläge von außen und die gesellschaftlichen Einflüsse gemacht? Schreibe deine Erfahrungen hier?

 

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