Multiculturalbaby: Du bist im einer multikulturellen Familie aufgewachsen. Könntest du dich und deine Familie bitte kurz vorstellen?

Jenypher Rempening Díaz: Gerne. Meine wunderschöne Familie kommt ursprünglich aus Mexiko. Meine Mama war 100% Mexikanerin, mein Papa 50% Mexikaner mütterlicherseits und 50% Deutscher väterlicherseits. Mein Opa ist damals in eine kleine Stadt im Bundesstaat Chihuahua (ganz am Norden Mexikos) ausgewandert und hat immer versucht die deutschen Wurzeln beizubehalten. Darüber hinaus hat er immer Kontakt mit den Mennoniten gehalten, um einen Teil der deutschen / europäischen Kultur an seine Familie weitergeben zu können.

Mein Vater nahm einen wichtigen Teil der lokalen, protestantischen Kirchgemeinde ein, weshalb mein Bruder und ich zwischen der mennonitischen und der mexikanischen Kultur aufwuchsen. Zum einen besuchten wir die mennonitische Schule, um Deutsch zu lernen. Zum anderen arbeitete mein Vater als Pastor in der mexikanisch-mennonitischen Kirche.

Auf der anderen Seite war da die Familie meiner Mutter, die ganz normal mexikanisch war. Da haben wir die mexikanische Kultur erlebt. Unser alltägliches Leben war jedoch immer eine Mischung aus beiden Kulturen. Mein Vater hat immer versucht mit uns auf Deutsch zu sprechen obwohl es schwierig war, da meine Mutter kein Deutsch verstand. Trotzdem ermutigte sie uns immer, die Sprache zu üben, auch wenn sie selbst die Sprache nicht beherrschte. Ihr war es immer sehr wichtig, dass wir so viel wie möglich Kontakt zu Deutschland hatten und eine Beziehung zu dieser Kultur aufbauen konnten. Sie hat sogar all die mennonitischen und deutschen Gerichten zu kochen gelernt und darüber hinaus gab es bei uns zu Hause immer alles mögliche aus der ganzen Welt zu Essen. Man kann sagen, dass ich und mein Bruder in einer multikulturellen Familie aufgewachsen sind. Meine Mutter hat hier wohl am meisten dazu beigetragen, obwohl sie Mexikanerin war.

Multiculturalbaby: Was war in deiner Familie anders als bei deinen Freunden, die in „klassisch-mexikanischen“ Familien aufgewachsen sind?

Jenypher Rempening Díaz: Wie gesagt, mein Mutter hat viele verschiedene Gerichte gekocht die es nicht in einer mexikanischen Familie geben würden. Wir wurden auch musikalisch erzogen, was eher außergewöhnlich in Mexiko ist. Auch ist meine Familie evangelisch, was glaube ich der größte Unterschied war, da Mexiko ein katholisches Land ist. Generell würde ich sagen, dass wir in einer sehr organisierten und funktionalen Familie aufgewachsen sind. Alles hatte eine Uhrzeit, eine Regel. Es gab viele Einschränkungen, wie beispielsweise, dass wir nicht zu viel Fehrnsehen sehen oder Süßigkeiten essen durften. Im Vergleich zu meinen Freunde habe ich mich immer ganz anders gefühlt und auf jeden Fall niemals wie ein normales mexikanisches Mädchen.

Multiculturalbaby: Kannst du uns ein bisschen etwas zu der mennonitischen Gemeinschaft erzählen? Welchen Teil hat sie in deinem Leben eingenommen?

Jenypher Rempening Díaz: Die Mennoniten sind eine protestantische Freikirche, die unter anderem auch in Mexiko vertreten ist. In Mexiko funktioniert sie nicht nur als religiöse Gemeinschaft, sondern auch als in sich eigene Kultur. In Mexiko hat die größte Gemeinschaft von Mennoniten ihren Sitz im Bundesstaat Chihuahua. Zum Teil bildet die mennonitische Gemeinschaft eine völlig autonome Gruppierung, sowohl kulturell wie auch wirtschaftlich. Generell gibt es drei verschiedene Arten von mennonitische Gemeinschaften: die extrem Konservativen, die mittel Konservativen und die Modernen. Wir sind in einer modernen Gemeinschaft aufgewachsen, wobei diese für mexikanische Verhältnisse immer noch ziemlich konservativ war.

Wir wohnten zwar in der Stadt aber da die Mennoniten auf dem Land angesiedelt waren, mussten wir jeden Tag zur Schule auf’s Land fahren. Aber so kam es, dass all unsere Schulfreunde sehr weit von uns weg wohnten und wir in der Stadt selbst keine Freunde hatten. Es war immer etwas kompliziert, da unsere beide Welten durch die Distanz getrennt waren.

In meiner Kindheit waren glaube ich 80% meines Lebens von der mennonitischen Gemeinschaft geprägt. Aber ich hatte natürlich immer auch Kontakt zur Familie meiner Mutter. Als Kind war es schwierig für mich zu wissen, was ich war. Für die Mennoniten war ich die Mexikanerin und für die Mexikaner war ich die Mennonitin. Irgendwie war ich keine von beiden Kulturen, nicht genug Mennonitin, nicht genug Mexikanerin.

Je älter ich wurde, desto mehr entfernte ich mich von der mennonitischen Gemeinschaft, da ich das mexikanische Abitur machte. Und danach fing meine Odyssee mit der deutschen Kultur an, als ich zum ersten mal für ein Jahr nach Deutschland kam.

Multiculturalbaby: Was verstehst du unter einer „multikulturellen Familie“?

Jenypher Rempening Díaz: Für mich ist das eine tiefe Beziehung zwischen zwei verschiedenen Kulturen, in denen man erzogen wird. Ich denke, dass häufig die Mutter eine größere Rolle dabei spielt, mit welcher Kultur sich das Kind verbundener fühlt. Ich habe hier viel meiner Mutter zu verdanken. Meine Mutter hat sich viel Mühe gegeben, um meine deutsche Wurzeln zu stärken, obwohl sie nicht ihre eigenen waren.

Multiculturalbaby: Du bist in Mexiko aufgewachsen und lebst jetzt in Deutschland. Wo fühlst du dich zu Hause?

Jenypher Rempening Díaz: Nachdem ich ein paar mal in Deutschland gewohnt habe und wieder nach Mexiko zurückgekehrt bin, dachte ich, dass ich gleichermaßen in beiden Welten zu Hause bin. Seit ich aber permanent als Erwachsene in Deutschland wohne, habe ich für mich herausgefunden, dass ich auf jeden Fall mehr Mexikanerin als Deutsche bin. Nicht, weil ich Mexiko besser finde als Deutschland, sondern weil meine Art und Weise mehr mexikanisch ist. Ebenso, sobald ich wieder für ein paar Wochen in Mexiko bin, will ich wieder zurück nach Deutschland. Ich glaube, ich werde mich nie 100% in einem Land wohl fühlen, ohne das andere zu vermissen.

Multiculturalbaby: In welcher Sprache träumst, denkst, rechnest, scherzt, planst, etc. du?

Jenypher Rempening Díaz: Spanisch, Spanisch, Spanisch und für immer Spanisch. Ich liebe Spanisch, ich liebe es eine Latina zu sein. Ich liebe dieses heiße Blut in mir und ich liebe es, mich einfach und locker ausdrücken zu können, laut zu lachen, spontan zu sein, zu tanzen und das Leben zu genießen. Auf jeden Fall ist meine Latina Seite viel stärker. Wobei ich auch merke, dass ich in Mexiko auch einfach anders als meine Freunde dort bin. Aber der Abstand zwischen der mexikanischen Kultur und mir ist viel kleiner als zwischen der deutschen Kultur und meiner Persönlichkeit. Gleichzeitig mag ich meine deutschen Wurzeln und ich bin so stolz auf das, was ich bis jetzt hier in Deutschland an Deutsch gelernt habe (obwohl es nie gut genug sein wird, weil Deutsch einfach so schwierig ist!). Ich glaube, solange ich das Deutsche nicht komplett beherrsche, werden wir immer eine Art Hassliebe führen, die deutsche Sprache und ich.

Spanisch und Latina zu sein hat einfach mehr mit meiner Art und Weise zu tun, es ist einfach so und es ist auch okey.

Multiculturalbaby: Wie war es für dich, mehrsprachig aufzuwachsen?

Jenypher Rempening Díaz: Es war für mich ein ständige Herausforderung, weil Deutsch keine einfache Sprache ist. Andernseits ist mir auch klar, dass ich einen riesigen Vorteil hatte die Sprache schon als Kind zu erlernen und ich werde meinen Eltern ewig dafür dankbar sein, dass sie sich solche Mühe gegeben haben, mich zweisprachig zu erziehen.

Allein schon Deutsch sprechen zu können hat es mir erleichtert, Englisch zu lernen und ich bin überzeugt davon, dass ich vieles von dem, was ich bis jetzt in meinem Leben erreichen habe, meiner frühen Sensibilisierung für Sprachen zu verdanken habe. Allein die Tatsache in Deutschland zu leben und in jeder Situation kommunizieren zu können, macht mein Leben hier in Deutschland viel leichter und ermöglicht mir ein Zugehörigkeitsgefühl zu entwickeln. Mein Leben wäre absolut nicht das Selbe gewesen, wenn ich nicht Deutsch als Kind gelernt hätte.

Multiculturalbaby: Zum Schluss: Was empfindest du als das Wichtigste in einer multikulturellen Erziehung?

Jenypher Rempening Díaz: Es ist einfach so bereichernd aus so einer Erziehung zu kommen. Ich habe eine komplett andere Perspektive, mehre Möglichkeiten, einfach mehre Tools um in meinem Leben so viel wie möglich zu entwickeln. Als Kind kann es möglicherweise sehr schwer sein in so einer „komischen“ Familie aufzuwachsen, in der man zwar von zwei Kulturen lernt aber gleichzeitig auch von beiden nicht genug. Und als Kind weiß man ja nicht, was man mit all diesen verschiedenen Praktiken und Verhaltensweisen anfangen soll. Und man wünscht sich einfach nur „normal“ zu sein. Aber sobald man älter wir und weiß, was man mit seinem Leben anfangen möchte, wird die Reise viel spannender. Deine beide Welten verschmelzen zu einer und eröffnen dir viele Möglichkeiten. Deine Perspektive wird globaler, die Fremde macht dir kein Angst mehr. Vielmehr wird sie einfach zu einem anderen Weg um die eigenen Ziele zu erreichen. Du lernst, andere Sprachen zu lernen, in andere Länder zu reisen und nicht immer die Bequemlichkeit zu suchen, sondern das Beste für dich. Für uns als Mexikaner ist es sehr bedeutsam diesen deutsch-mennonitischen Hintergrund zu haben, da es in Mexiko sehr außergewöhnlich und schwierig ist, Kontakt zu anderen Kulturen zu haben. Außer das, was man von den USA mitbekommt. Wegen diesem Kontakt zu einer anderen Kultur war für mich das Interesse am Ausland bereits als Kind vorhanden. Im Vergleich zu meiner Familie und meinen Freunden war es für mich immer klar, dass ich eines Tages ins Ausland gehen würde. Eigentlich habe ich mich immer schon für die „Welt“ entschieden. Schon mit 15 Jahren habe ich mich für eine Reise nach Kanada entschieden, anstatt für eine „Quinceaniera“ (so etwas wie eine „Sweet Sixteen“ Geburtstagsparty). Das konnten viele nicht verstehen. Oder anstatt eines Autos während meines Studiums, habe ich lieber ein Austauschsemester nach Deutschland gemacht.