Es gibt viele Wege einem Kind fremde Kulturen und Länder näher zu bringen. Einer der effektivsten ist das Reisen und das tatsächliche Leben in einem fremden Land. Falls dein Kind dich anfleht einen Austausch in ein anderes Land machen zu dürfen oder falls du gar selbst darüber nachdenken solltest, dann scheue dich nicht davor.

Mit 17 Jahren durfte ich selbst die wundervolle Erfahrung eines High School Austausches machen. Ein ganzes Jahr in Japan zu leben war mit Sicherheit nicht immer einfach und dennoch würde ich es jederzeit wiederholen, wenn ich könnte. Dieses Jahr als Austauschschülerin war auf jeden Fall eine der lehrreichsten und prägendsten Erfahrungen, die ich bisher in meinem Leben machen konnte. Und ich lerne immer noch davon. Wenn du dich also fragst ob dein Kind einen Austausch machen sollte oder nicht, dann mögen dir meine nachfolgenden Reflektionen WARUM DU DEINEM KIND AUF JEDEN FALL EINEN AUSTAUSCH ERMÖGLICHEN SOLLTEST in deiner Entscheidung helfen.

1. Eine neue Sprache erlernen

Einer der offensichtlichsten Gründe für einen Austausch ist das Erlernen der Sprache des Gastlandes. Vielleicht kann dein Kind schon ein bisschen die Sprache, vielleicht lernt es diese aber auch erst beim Betreten des fremden Landes. In beiden Fällen wird ihm die Kommunikation zu Beginn schwer fallen. Das Erlernen einer Sprache während eines Auslandaufenthaltes ist jedoch die schnellste und authentischste Art eine Sprache zu lernen. Da dein Kind noch relativ jung ist kann sein Gehirn die neue Sprache besser aufnehmen und es mag sogar das Niveau eines Muttersprachlers erreichen. Die Chance eine Sprache in so einer einfachen Art und Weise zu erlernen wird dein Kind als Erwachsener wohl nie wieder bekommen.

2. Eine neue Realität kennenlernen

Als Familie habt ihr eure ganz eigene Art Dinge zu tun. Ihr habt eure Gewohnheiten, Vorstellungen, Freizeitaktivitäten, interne Regeln und Vorschriften. Für dein Kind ist all das völlig normal und wahrscheinlich keine Frage. Das Leben in einer neuen Familie wird deinem Kind zeigen, dass es auch andere Wege gibt. Andere Vorstellungen und Gewohnheiten, ein anderer Lebensstil. Hab keine Angst davor, dass dein Kind etwas Neues (was du möglicherweise nicht unterstützt) lernt. Für dein Kind ist es eine enorme Bereicherung zu verstehen, dass es mehr als nur die eine Realität und Wahrheit gibt.

3. Geschwister bekommen

Als Einzelkind war es für mich eine wunderbare Erfahrung plötzlich Geschwister zu haben. Es war einfach anders zu sechst in einer Familie zu wohnen, anstatt nur zu dritt. Beispielsweise hatte ich keine Vorstellung über die intensiven Streitereien zwischen Geschwistern und obwohl ich mich nie daran beteiligte, ermöglichte mir diese Erfahrung eine neue Sicht auf die Welt (heute in meinem Beruf erkenne ich in einer Diskussion beispielsweise die Unterschiede zwischen Kollegen, welche mit Geschwistern aufwuchsen und Kollegen, welche ohne Geschwister aufwuchsen). Natürlich gilt dies auch umgekehrt. Falls dein Kind Geschwister gewohnt ist und in eine Gastfamilie kommt, die keine Kinder hat (oder bei der die Kinder nicht mit im Haus leben), dann kann es auf der einen Seite lernen, seine Geschwister mehr zu schätzen. Auf der anderen Seite kann es für die Zeit des Austausches auch die Rolle als Einzelkind kennen- und genießen lernen.

4. Dem eigenen Selbst näher kommen

„Sich selbst kennen“, das ist ein sehr schweres und herausfordernes Ziel im Leben. Höchstwahrscheinlich kennt man sich nie ganz (und ich persönlich finde das sehr gut, da wir sonst aufhören würden zu lernen und neugierig zu sein). Doch durch das Leben in einer fremden Kultur und einer unbekannten Umgebung lernt dein Kind nicht nur Neues, sondern es wird auch dazu gezwungen mehr auf seine innere Stimme zu hören. Auch hilft es ihm seine eigene Kultur und Background besser zu verstehen. Wenn man das ganze Leben in seiner eigenen Kultur und der bekannten Umgebung „festklebt“, dann ist es wesentlich schwerer zu erkennen, was das eigene „Ich“ ausmacht und was die Beeinflussung durch andere ist.

5. Selbstbewusster werden

Wahrscheinlich muss nicht extra erwähnt werden, dass man durch das Kennenlernen des eigenen Selbst auch Selbst-bewusster wird. Aber es ist so viel mehr als das. Dein Kind wird sich in einer neuen Sprache behaupten müssen, an einem neuen Ort, in einer neuen Schule, Familie, Kultur und so weiter. Es wird Zeiten geben, in denen es deinem Kind schlecht gehen wird und es nur noch nach Hause in seine vertraute Umgebung möchte. Das eigene Behaupten in einer solchen Situation, der Umgang mit Heimweh, das Vertrauen in sich selbst und in andere sowie das Brechen der inneren Barriere von „meine Kultur versus deine Kultur“, all das wird dein Kind in seiner Entwicklung fördern. Das Jahr in Japan hat mich gelehrt, dass ICH ES KANN und dieses Selbstvertrauen begleitet mich in meinem Leben.

6. Ein neues Land kennenlernen

Neben dem Erlernen einer neuen Sprache ist das Kennenlernen des Gastlandes ein weiterer offensichtlicher Bestandteil eines Austausches. Das Eintauchen in das Leben im Gastland und das Anpassen an die lokalen Gepflogenheiten wird deinem Kind einen Blick über den Tellerrand ermöglichen und sein Verständnis für die Welt erweitern. Dies betrifft Bereiche wie Familentraditionen, Kultur, Sprache, Verkehr, Politik, Geographie, Temperatur und viel, viel mehr.

7. Lernen zu reisen

Möglicherweise wird es nicht das erste Mal sein, dass dein Kind auf Reisen geht aber wahrscheinlich wird es das erste Mal sein, dass es allein auf Reisen geht. Auch wenn sich dies vielleicht furchterregend für dich (und dein Kind) anhören mag, so ist es eine wunderbare Erfahrung! Denke einmal an deine erste Reise allein. Du hast sie geplant. Du hast sie in allen ihren Stationen verstanden. Du hast sie tatsächlich angetreten. Plötzlich befandest du dich allein unter lauter Fremden. Vielleicht wurdest du mit einer Schwierigkeit konfrontiert und du musstest jemanden um Hilfe bitten. Irgendwie hast du dir deinen Weg durchgeboxt. Du hast ein Abenteuer erlebt. Und dann, plötzlich, bist du endlich da. Und alles ist gut. Du hast es geschafft. Du allein! Das ist eine einzigartige Erfahrung im Leben und sie wird dein Kind unglaublich fördern.

8. Kreativer werden

Seien wir ehrlich, im Ausland zu leben ist einfach ANDERS und oft ist es nicht gerade einfach. Nichts ist, wie wir es gewohnt sind. Alles ist anders. Dein Kind wird lernen müssen Dinge anders anzugehen als es es bisher gewohnt war. Zudem hat es den „Nachteil“ eines Ausländers.

Nehmen wir zum Beispiel das Finden von Freunde in der neuen Schule. Dein Kind wird „der Neue“ sein, ebenso wie „der Fremde“. Es wird kreativer als sonst bei der Suche nach Freunden werden müssen. Auch das Sprechen der neuen Sprache wird am Anfang eine Herausforderung sein. Auf jeden Fall wird dein Kind lernen sich mit Händen und Füßen zu kommunizieren und seine Ideen mit einem beschränkten Vokabular zu umschreiben. Auch das wird deinem Kind beim Entwickeln seiner Kreativität helfen. Davon wird es sein ganzes Leben lang zähren können.

9. Toleranter werden

Zuletzt wird dein Kind durch das Leben in einem fremden Land toleranter gegenüber anderen Kulturen aber auch allgemein andersdenkenden Menschen. Dadurch, dass es die Erfahrung gemacht hat als Ausländer in einem fremden Land zu leben und die gängigen Integrationsschwierigkeiten durchlebt hat, kann es andere Ausländer in seinem Heimatland besser verstehen. Dieses Verständnis ist eine effektive Waffe gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Es wird deinem Kind helfen ein wahrer Weltbürger zu werden!

Ich hoffe, die aufgeführten Gründe haben dich dazu motiviert deinem Kind einen Auslandsaufenthalt zu ermöglichen. Natürlich ist ein Austausch nicht immer für jeden möglich, da Punkte wie Kosten, Gesundheit und weiteres natürlich auch eine große Rolle spielen. Auch möchte nicht jedes Kind einen Austausch machen (und auch das muss respektiert werden!). Nichtsdestotrotz gibt es viele verschiedene Arten von Auslandsaustauschen, die sich in Zeit, Beteiligung und Kosten unterscheiden. Informiere dich und du wirst das passenste Austauschprogramm für dein Kind finden (ein Artikel über die verschiedenen Arten von Auslandsaustauschen ist geplant).

Übrigens, wenn du mehr über mein High School Jahr in Japan lesen möchtest, dann empfehle ich meinen Reisebericht „Schonungslos Japanisch: Ein High School-Jahr zwischen Moderne, Tradition, Gastfamilie und Manga„. Hier beschreibe ich in einem romanartigen Stil wie High School in Japan funktioniert, wie es ist in einer japanischen Gastfamilie zu leben (ich lebte in 3 verschiedenen Familien die nicht unterschiedlicher sein konnten) und wie das Leben eines Teenagers in Japan ist.

Weitere interessante Links:

Thraen, Mona: „Schonungslos Japanisch: Ein High School-Jahr zwischen Moderne, Tradition, Gastfamilie und Manga“, published in 2012 by traveldiary.de

AFS Interkulturelle Begegnungen e.V.

EF Education First

Student Exchange Australia New Zeeland

GIVE – Gesellschaft für internationale Verständigung mbH

GLS Sprachenzentrum Berlin